[… noch biolastig]

ca. 10.000 v. Chr.  Die ältesten Monumentalbauten der Menschheitsgeschichte, die kreisförmigen Steinanlagen am Göbekli Tepe, enthalten T-förmige Säulen mit Tierdarstellungen in Flachreliefs, die im Sinne eines Totemismus gedeutet werden: Die Verschiedenheit der Tierarten (Fuchs, Wildschwein, Vogel), die bestimmte Steinkreise dominieren, dienen als Ausdruck der Differenzierung verschiedener Clans.

ca. 3.000 v. Chr.  Zu den ältesten Schriftzeugnissen des Menschen zählen Tierlisten in Keilschrift auf sumerischen Tontafeln. Manche Listen, etwa die von Vögeln oder Haustieren, umfassen mehr als einhundert Einträge und inventarisieren in parataktisch-egalitärer Ordnung die Vielfalt der Dinge in der Welt.

ca. 2.000 v. Chr.  Von den 763 Hieroglyphen des Mittleren Reichs bestehen ein knappes Viertel (176) aus schematischen Bildern (Piktogrammen) von Tieren oder Teilen von Tieren, die sich insgesamt auf 63 verschiedene Tierarten beziehen.

408 v. Chr.  Buntheit (ποικĩλία) und Wandel (μεταβολὴ) sind zentrale Prinzipien der antiken Ästhetik: »Die Veränderung aller Dinge ist süß«, so Elektra zu ihrem kranken Bruder Orest in Euripides’ gleichnamiger Tragödie.

ca. 380 v. Chr.  Platon lehnt die poikilia ab: Sie sei etwas Oberflächliches, das nur für Kinder und Frauen Unterhaltung biete, aber von dem Eigentlichen, das in die Tiefe gehe, ablenke.

ca. 350 v. Chr.  Aristoteles beschreibt in seiner Tierkunde rund 500 verschiedene Tierarten in ihren artspezifischen Eigenheiten und begründet damit die Tradition der Naturgeschichte.

3. Jh. v. Chr.  Chrysipp schreibt der Natur selbst eine Freude an der Verschiedenheit der Formen zu (»φύσιν τῇ ποικιλίᾳ χαίρουσαν«).

80 v. Chr.  Variatio delectat wird ein Grundsatz der antiken Rhetorik.

79 AD  Plinius spricht in seiner Naturgeschichte von der Verschiedenheit der Tiere im Hinblick auf ihre Ernährung (»diversitas animalium in pastu«). Er erklärt die Vielfalt als Ausdruck der Freude der Natur am variantenreichen Spiel (»magna ludentis natura varietas«).

ca. 215  Origines bezieht den Ausdruck auf die Vielfalt der Tiere (»diversitas animalium«) im Hinblick auf die Unterschiede ihrer Lebensformen.

ca. 400  Augustinus nennt die Variation der Pflanzen und die Vielfalt der Tiere (»diversitates animalium«) großartig, ausgezeichnet, schön und staunenswert und preist mit ihr Gott als deren Schöpfer.

ca. 595  Gregor der Große bezieht den Ausdruck der Diversität auf die Vielheit der Glieder in der Kirche, die in ihrem Zusammenwirken eine Einheit bilden (»concors membrorum diversitas«).

ca. 875  Eriugenes erklärt die Vielfalt der Menschen (»diversitas hominum«) als Ergebnis der Sündhaftigkeit des Menschen; sie stamme von der Teilung der Natur nach dem Sündenfall (»ex divisione naturae post peccatum«).

ca. 1090  Bernold von Konstanz erklärt die Vielfalt der Ordensregeln (»diversitas statutorum«) aus der Variation der lokalen und zeitlichen Bedingungen der Glaubensgemeinschaften.

ca. 1100  Walram von Naumburg behauptet von dem Diversen, dass es das Nicht-Wahre sei, weil das Wahre in dem einen Gott liege (»quicquid diversum est, hoc utique verum non est; est enim Deus verax«).

1117  Anselm von Laon prägt für das Nebeneinander verschiedener Glaubensrichtungen ohne Widerspruch die Formel diversi, sed non adversi, die in den folgenden Jahrhunderten den Status einer immer wieder zitierten Zauberformel gewinnt.

ca. 1150  Anselm von Havelberg verteidigt die Verschiedenheiten der geistlichen Lebensformen zu verschiedenen Zeiten, weil sie der Gefahr des geistigen Trotts entgegenwirken würden.

1245  Gautier de Metz bezieht den Ausdruck der Diversität (»diversitez«) primär auf die Vielfalt der in unterschiedlichen Erdteilen (Indien, Europa und Afrika) lebenden wilden Tiere.

ca. 1255  Thomas von Aquin plädiert für Diversität als Wert, indem er behauptet: »Obgleich ein Engel, für sich betrachtet, mehr ist als ein Stein, so sind doch zwei Wesen verschiedener Art besser als nur von einer Art; und daher ist eine Welt, die Engel und andere Dinge enthält, besser als eine, in der es nur Engel gibt.«

1299  Marco Polo verweist im ersten Satz seines Reiseberichts auf die Diversitäten der fernen Regionen (»les deversités des deverses region dou monde«) und nimmt diese als Werbung für den Handel.

1371  Jean de Mandeville preist in seinem Buch von den Wundern der Welt deren Diversität.

ca. 1490  Serafino dell’Aquila dichtet in einem Sonett, dass die Natur durch die Variation ihrer Geschöpfe schön ist (»per tal variar natura è bella«) – eine Zeile, die später sprichwörtlich wird.

1493  Christof Kolumbus preist in seinem ersten Brief aus der Neuen Welt diese Welt als ein Paradies an, das sich vor allem durch seine Diversität an Lebewesen auszeichnet.

1570er  Michel de Montaigne und Torquato Tasso bringen eine Toleranz und Wertschätzung der kulturellen Vielfalt zum Ausdruck, die kennzeichnend ist für den Humanismus der Renaissance (»Diverse bande/ diversi han riti«).

um 1660 Jan van Kessel stellt in seinen Streumusterbildern die bunte Vielfalt der Welt der Insekten und Kriechtiere dar.

um 1700  Gottfried Wilhelm Leibniz formuliert als einen Hauptlehrsatz seiner Philosophie, dass Vollkommenheit in der Variation besteht (»Perfectio […] est […] in forma seu varietate«).

1712  Joseph Addisson unterscheidet zwischen Vielzahl (»Multitude«) und Vielfalt (»Diversity«) von Lebewesen.

1734  Albrecht von Haller dichtet: »Das Glück der Sterblichen will die Verschiedenheit«.

1751  Pierre Louis Moreau de Maupertuis erwägt es, dass die Diversität der Tiere (»la diversité infinie des animaux«) im Laufe der Zeit zugenommen hat.

1776  Thomas Jefferson formuliert für die Präambel der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten den Grundsatz der Gleichheit aller Menschen (»all men are created equal«).

1779  Im Anschluss an die englische Kunst der Landschaftsgärten erscheinen in Christian Cay Lorenz Hirschfelds Theorie der Gartenkunst »Verschiedenheit«, »Abwechselung« und »Mannigfaltigkeit« als zentrale Charakteristika einer schönen Landschaft.

1789  In der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte der französischen Nationalversammlung wird die Gleichheit vor dem Recht aller Menschen festgestellt (»Les hommes naissent et demeurent libres et égaux en droits«).

1791  Olympe de Gouges erklärt in Anlehnung an die Erklärung der Menschenrechte die Rechtsgleichheit der Frau gegenüber dem Mann (»égale à l’homme en droits«).

1820  Jean-Baptiste de Lamarck führt die Diversität der Lebewesen auf die Diversität ihrer Lebensbedingungen zurück: »c’est à cette même cause [les circonstances] qu’il faut attribuer l’extrême diversité des productions de la nature.«

1845  James Duffield Harding gibt als ein Prinzip der Kunst aus, dass es Schönheit nur gebe, wo Variation bestehe (»there can be no beauty where there is no variety«).

1850  Erste National Women’s Rights Convention in Worcester (Massachusetts), auf der Ernestine Rose eine Resolution zur politischen, rechtlichen und sozialen Gleichstellung von Frauen und Männern einbringt.

1855  Alphonse de Candolle hält die südafrikanische Kapprovinz für die Region mit der höchsten Diversität an Pflanzen (»le plus de diversité d’espèces«).

1859  Charles Darwin spricht von der schönen und harmonischen Diversität der Natur (»beautiful and harmonious diversity of nature«). In seiner Selektionstheorie ist die Diversität sowohl Ausgangspunkt aller Veränderungen (durch differenzielle Reproduktion der verschiedenen Formen) als auch deren Ergebnis (durch Einnischung als Strategie zur Vermeidung von Konkurrenz).

1893  Der belgisch-britische Romanist und Publizist Charles Sarolea betont ausgehend von der Diversität der natürlichen Welt den Wert der »sozialen Diversität« und plädiert später für eine Pluralität von Nationalitäten, weil auf ihr aller Reichtum der Zivilisation beruhe (1912: »Civilization is not based on unity, but on diversity«).

1901  Paul Jaccard verwendet den Ausdruck ›Artendiversität‹ (»la diversité des espèces«) im Sinne einer Messgröße für die Anzahl von Arten in einer Region.

1909  In seinem Pluralistischen Universum plädiert William James für eine Ontologie des Nebeneinanders von Dingen ohne Dominanz des Einen über das Andere; die herrschende Form sei die des Jeweils (»each form«).

1911  Erich Adickes sieht die Zukunft der Metaphysik in einem nicht wieder zu vereinheitlichenden Pluralismus.

1916  Arthur Harris führt im Zuge seiner Untersuchung von Wüsten den Begriff der biologischen Diversität ein.

1917  Der kanadische Politiker Napoléon-Antoine Belcourt argumentiert unter Verweis auf den Vorteil von Diversität gegen die von der Provinzverwaltung erlassenen Bestimmungen, die den Gebrauch des Französischen als Unterrichtssprache in öffentlichen und privaten Schulen einschränken (1912 als »Regulation 17« erlassen).

1919  Max Weber liefert eine pluralistische Beschreibung der Moderne, in der »die verschiedenen Wertordnungen der Welt in unlöslichem Kampf untereinander stehen«.

1926  Nikolai Iwanowitsch Vavilov sieht in den Gebirgsregionen Vorderasiens die Diversitätszentren aller Getreidearten (»the centres of varietal diversity«) und den Ursprungsort der Landwirtschaft.

1932  Heinrich Rickert bezeichnet die »Vielheit der tatsächlich vorhandenen Weltanschauungen« als eine »Tatsache« und es gelte daher: »Nur ein ontologischer Pluralismus wird dem Weltreichtum gerecht«.

1941  Präsident Franklin D. Roosevelt unterzeichnet eine Regierungsanordnung, nach der alle Bürger der Vereinigten Staaten (»regardless of race, creed, color, or national origin«) an der nationalen Verteidigung zu beteiligen sind und ein Komitee für gerechte Anstellungsverhältnisse (Committee on Fair Employment Practice) zu gründen ist.

1943  Fisher, Corbet und Williams schlagen eine statistische Größe als Diversitätsindex vor (»index of diversity«).

1945  Die Charta der Vereinten Nationen erklärt als eines ihrer Ziele, fundamentale Freiheiten für alle (»without distinction as to race, sex, language, or religion«) zu fördern.

1949. Das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland legt in Artikel 3 fest: »Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. [Ergänzung vom 27. Okt. 1994: Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.]«

1958  Charles Elton postuliert einen ökologischen Zusammenhang zwischen Diversität und Stabilität von Tiergemeinschaften: »the variety of nature […] tends to promote ecological stability«.

1969  Norman Winfried Moore fordert, dass der Schutz von Diversität das primäre Ziel des Naturschutzes sein sollte (»Conservation of diversity should become the primary aim of conservation«).

1972  Robert May weist in mathematischen Simulationen nach, dass eine hohe Artendiversität in ökologischen Gemeinschaften deren Instabilität bewirken kann.

1978  Der oberste Gerichtshof der USA erklärt in einem Grundsatzurteil, dass das Ziel, eine »diverse« Zusammensetzung der Studierenden an einer Hochschule zu erreichen, ein hinreichend zwingender Grund sei, um ethnische Gesichtspunkte bei der Zulassung zu berücksichtigen.

1980  Thomas Lovejoy erklärt die Reduktion der biologischen Vielfalt für das größte Problem der Gegenwart (»the most basic issue of our time«).

1984  Salwasser, Thomas und Samson sehen in der Berücksichtigung von Diversität als einem Ziel des Naturschutzes eine Revolution des Denkens.

1986  Das Nationale Forum zur BioDiversität findet in Washington, D.C. statt. Walter B. Rosen, der das Forum mitvorbereitete, begründet seine Verwendung des Ausdrucks ›Biodiversität‹ damit, dass er das »Logische« aus dem »Biologischen« herausnehmen wollte, um dadurch Raum für »spirit« und »emotion« zu schaffen. ›Biodiversität‹ wurde damit erfolgreich als ein nicht nur wissenschaftliches, sondern primär politisches Schlagwort etabliert.

1992  Das Übereinkommen über die biologische Vielfalt der Vereinten Nationen definiert die biologische Vielfalt als »die Variabilität unter lebenden Organismen jeglicher Herkunft, darunter unter anderem Land-, Meeres- und sonstige aquatische Ökosysteme und die ökologischen Komplexe, zu denen sie gehören; dies umfasst die Vielfalt innerhalb der Arten und zwischen den Arten und die Vielfalt der Ökosysteme«.

2001  Die Universale Erklärung zur Kulturellen Diversität der Vereinten Nationen behauptet, dass die kulturelle Diversität für die Menschheit ebenso wichtig sei wie die Biodiversität für die Natur.

2010  Die UNESCO erklärt das zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts zur »Dekade der Biodiversität«.