1634
Kraut vnd Blumen mannigfalt
die so lieblich von Gestalt
Johann Rist: Auff den heran-nahenden Früling, in: Musa teutonica, Hamburg 1634.

1682
Von der Mannigfaltigkeit der Arten Gehölzes in denen Waldungen oder Gehölzen
Wolf Helmhardt von Hohberg: Georgica Curiosa. Das ist: Umständlicher Bericht und klarer Unterricht Von dem Adelichen Land- und Feld-Leben, Theil 3 (1682), Nürnberg 1749, S. 329

1721
Die Mannigfaltigkeit der Arten der Insecten erhält mich, nebst andern wichtigern Umständen, zugleich bey der beständigen Lust zur Untersuchung ihrer Natur
Johann Leonhard Frisch: Beschreibung von allerley Insecten in Deutschland, Bd. 2, Berlin 1721, S. 36.

1727
So unbegreiflich GOtt in Seinem Wesen und in der Ahrt Seiner Regierung ist; so augenscheinlich hat Er gleichwol durch die grosse Mannigfaltigkeit Seiner wunderbaren Geschöpfe Sich geoffenbaret, und auf solche überzeugende Ahrt offenbaret Er Sich noch täglich durch deren beständige Erhaltung, Fortpflanzung und Versorgung.
Barthold Heinrich Brockes: Jrdisches Vergnügen in Gott, Bd. 2, Hamburg 1727, [Vorrede, erster Satz].

1735
das gantze Gemüthe [wird] durch die Betrachtung der Mannichfaltigkeit, Schönheit, curieusen Gestalt, Grösse, Stärcke, schnellen Bewegung, und andere merckwürdige Eigenschafften der Thiere ergetzet.
Johann Friedrich Cartheuser: Amoenitatvm Natvrae, Sive Historiae Natvralis Pars Prima Generalior, Oder Der curieusen und nützlichen, sowohl Historisch- als Physicalischen Abhandlung Aller Merckwürdigkeiten Der Natur, Erster Theil, Halle 1735. S. 424

1739
Mannigfaltigkeit
derer Dinge, ist der an denen in der Welt befindlichen Geschöpffen zu bemerckende Unterschied, da nehmlich immer eines von dem andern bald mehr, bald weniger abgeht, wenigstens doch keines dem andern durchgehends gleich ist.
Johann Heinrich Zedler: Grosses vollständiges Universal-Lexikon aller Wissenschaften und Künste, Bd. 19, Leipzig 1739, Sp. 1022.

1755
Mannigfaltigkeit
so unendlich verschiedener Materien
Immanuel Kant: Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels (1755), in: Kant’s gesammelte Schriften (Akademie-Ausgabe), Bd. I, Berlin 1902, S. 215-368, hier S. 345.

1762
Diese bewundernswyrdige Welt im kleinen, von unendlich mannigfaltiger Schœnheit; unendliche Arten Gewæchse, Millionen verschiedene Bewohner, theils fliegen von Blumen zu Blumen, theils kriechen und laufen umher, in Labyrinthen des Grases; unendlich mannigfaltig an Bildung und Schœnheit, findt jeder hier seine Nahrung, jedes seine Freuden; Mitbyrger dieser Erde, jeder in seiner Art vollkommen und gut. […] Kein Ekel verderbt ihm die immer neuen Freuden, die die Schœnheiten der Natur in End-loser Mannigfaltigkeit ihm anbieten. Auch in der kleinsten Verzierung unendlich mannigfaltig und schœn, jedes zum besten Endzwek in allen seinen Verhæltnissen schœn und gut.
Salomon Geßner: Die Gegend im Gras, in: Schriften, Bd. 3. Idyllen, Zürich 1762, S. 142-150, hier S. 142f.; 149f.

1767
Unsre Seele, die durch die Einförmigkeit ermattet, und mit Ekel erfüllet wird, heftet ihre Begierde nicht gerne an eine einfache Art, sich zu belustigen; sie liebt das Mannigfaltige, und geizzet nach den Abwechslungen des Vergnügens […]
zur Ehre unsers wohlthätigen Urhebers ist die ganze Natur eingerichtet, der Reizung unsrer Seele zur Abwechslung auf alle Art genug zu thun; und wer wird in dieser Absicht dem Landleben vor dem Aufenthalte in der Stadt den Vorzug streitig machen können? Hier eröffnet sich eine ganze Unendlichkeit von mannigfaltigen Gegenständen, in deren Betrachtungen der Ekel an der Einförmigkeit verschwindet [3. 3. Aufl. 1771: »In der Stadt schmachteten wir oft nach Abwechselung; und unaufhörlich verfolgte uns der Eckel der Einförmigkeit«], und die Seele von einem Vergnügen nach dem anderen überströmet wird; hier finden wir die unerschöpflichen Reichthümer der Freude, die unsre Seele begehrt, und die uns die Städte nicht verschaffen können. Welche unabsehbahre Reihe von Wesen, wovon ein jedes unsern Geist auf eine besondere Art beschäftiget, und unter welchen immer eine Vorstellung und ein Vergnügen das andere verdränget! Welche Unermeßlichkeit in den Gestirnen des Himmels, in den Geschlechtern der Pflanzen, Kräuter, Blumen und Tiere, und welche mannigfaltige Bestimmungen. Welche Welt von Wundern, die unserm Geiste eine immer volle Quelle von Ergötzungen anbietet, und zu deren Durchforschung Jahrhunderte zu wenig sind! Allenthalben erblikken wir die Sorgfalt der aufmerksamen Natur, unsern Trieb zum Vergnügen mit einer überströmenden Mannigfaltigkeit zu stillen.
Christian Cay Lorenz Hirschfeld: Das Landleben, Bern 1767, S. 75; 77-9.

1774
Mannigfaltigkeit
. (Schöne Künste). Die Abwechslung in den Vorstellungen und Empfindungen scheinet ein natürliches Bedürfnis des zu einiger Entwiklung der Vernunft gekommenen Menschen zu seyn. So angenehm auch gewisse Dinge sind, so wird man durch deren anhaltenden, oder gar zu ofte wiederholten Genuß erst gleichgültig dafür; bald aber wird man ihrer überdrüßig. Nur die öftere Abwechslung, das ist die Mannigfaltigkeit der Gegenstände, die den Geist, oder das Gemüth beschäftigen, unterhält die Lust, die man daran hat.
Johann Georg Sulzer: Allgemeine Theorie der Schönen Künste, Bd. 2, Leipzig 1774, S. 741-743.

1774
Wenn das liebe Thal um mich dampft, und die hohe Sonne an der Oberfläche der undurchdringlichen Finsterniß meines Waldes ruht, und nur einzelne Strahlen sich in das innere Heiligthum stehlen, und ich dann im hohen Grase am fallenden Bache liege, und näher an der Erde tausend mannigfaltige Gräsgen mir merkwürdig werden. Wenn ich das Wimmeln der kleinen Welt zwischen Halmen, die unzähligen, unergründlichen Gestalten, als der Würmgen, der Mückgen, näher an meinem Herzen fühle […]
wenn ich denn die Vögel um mich, den Wald beleben hörte, und die Millionen Mükkenschwärme im lezten rothen Strahle der Sonne muthig tanzten, und ihr lezter zukkender Blik den summenden Käfer aus seinem Grase befreyte und das Gewebere um mich her, mich auf den Boden aufmerksam machte und das Moos, das meinem harten Felsen seine Nahrung abzwingt, und das Geniste, das den dürren Sandhügel hinunter wächst, mir alles das innere glühende, heilige Leben der Natur eröfnete, wie umfaßt ich das all mit warmen Herzen, verlohr mich in der unendlichen Fülle, und die herrlichen Gestalten der unendlichen Welt bewegten sich alllebend in meiner Seele. Ungeheure Berge umgaben mich, Abgründe lagen vor mir, und Wetterbäche stürzten herunter, die Flüsse strömten unter mir, und Wald und Gebürg erklang. Und ich sah sie würken und schaffen in einander in den Tiefen der Erde, all die Kräfte unergründlich. Und nun über der Erde und unter dem Himmel wimmeln die Geschlechter der [1787: mannigfaltigen] Geschöpfe all, und alles, alles bevölkert mit tausendfachen Gestalten, und die Menschen dann sich in Häuslein zusammen sichern, und sich annisten, und herrschen in ihrem Sinne über die weite Welt! Armer Thor, der du alles so gering achtest, weil du so klein bist.
Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werthers, Bd. 1, Leipzig 1774, S. 9; 92f.

1776
Die Herren beym Generaldepartement mögten gern alles, wie es scheinet, [auf] einfache Grundsätze zurückgeführet sehen. Wenn es nach ihrem Wunsche gienge, so sollte der Staat sich nach einer akademischen Theorie regieren lassen, und jeder Departementsrath in Stande seyn, nach einem allgemeinen Plan den Localbeamten ihre Ausrichtungen vorschreiben zu können. Sie wollten wohl alles mit gedruckten Verordnungen fassen, und nach dem Voltaire es einmal lächerlich gefunden hat, daß jemand seinen Proceß nach den Rechten eines Dorfs verlohr, den er nach der Sitte eines nahe dabey liegenden gewonnen haben würde, keine andere als als gemeine Gesetzbücher dulden; vermuthlich, um sich die Regierungskunst so viel bequemer zu machen, und doch die einzige Triebfeder der ganzen Staatsmaschine zu seyn. Nun finde ich zwar diesen Wunsch für die Eitelkeit und Bequemlichkeit dieser Herrn so unrecht nicht, und unser Jahrhundert, das mit lauter allgemeinen Gesetzbüchern schwanger geht, arbeitet ihren Hofnungen so ziemlich entgegen. In der That aber entfernen wir uns dadurch von dem wahren Plan der Natur, die ihren Reichthum in der Mannigfaltigkeit zeigt; und bahnen den Weg zum Despotismus, der alles nach wenigen Regeln zwingen will und darüber den Reichthum der Mannigfaltigkeit verlieret.
Jusus Möser: Der jetzige Hang zu allgemeinen Gesetzen und Verordnungen, ist der gemeinen Freiheit gefährlich, in: Patriotische Phantasien, Bd. 2, Berlin 1776, S. 15-21, hier S. 15.

1780
Zwo Meilen von Kiel nach der westlichen Seite hin, erhebt sich in dem adelichen Gute Schirensee der ansehnliche Heeschenberg, dem die Natur eine reizende Lage mitten in einer fruchtbaren und bebauten Landschaft, eine reiche Bekleidung mit Waldung, mannichfaltige Ungleichheiten und Abhänge zur Vervielfältigung der innern und äußern Prospecte gab. […] Ueberall umher beständige Abwechselung und Unterbrechung von Anhöhen und Vertiefungen, einzelnen Bäumen und Gruppen, Waldungen und Gebüschen, eingezäunten Wegen und Feldern, Wiesen, Viehtriften, reifenden Saaten, deren Glanz auf den Hügeln. zwischen dunklern Einfassungen hervorspielt ‒ alles in einer malerischen Lage und verschwenderischen Verschiedenheit der Verbindung.
Christian Cay Lorenz Hirschfeld: Theorie der Gartenkunst, Bd. 2. Leipzig, 1780, S. 137.

1781
Der Deutsche […] hat, wie der Engländer, die Mannigfaltigkeit der höchsten Schönheit vorgezogen, und lieber ein plattes Gesicht mit unter, als lauter Habichtsnasen mahlen wollen. […]
Selbst die Macht, womit der Geschmack an den Englischen Gärten jetzt ganz Europa überwältiget, kann uns lehren, daß der Weg zur Mannigfaltigkeit der wahre Weg zur Größe sey, und daß, wenn wir nicht ewig in dem Ton der Galanterie, welcher zu Zeiten Ludewigs XIV. herrschte, bleiben wollen, wir nothwendig einmahl zur mannigfaltigen Natur wieder zurück kehren, aus der von neuem schöpfen, und eine größere Menge von Naturalien als bisher, zu vereinigen suchen müssen
Justus Möser: Ueber die deutsche Sprache und Litteratur. An einen Freund, Hamburg 1781, S. 21; 24f.

1790
Mannigfaltigkeit
der Gattungen der Erdgeschöpfe
Immanuel Kant: Critik der Urtheilskraft, Berlin 1790, S. 379.

1792
[Es] steht, dünkt mich, das Menschengeschlecht itzt auf einer Stufe der Kultur, von welcher es sich nur durch Ausbildung der Individuen höher emporschwingen kann; und daher sind alle Einrichtungen, welche diese Ausbildung hindern, und die Menschen mehr in Massen zusammendrängen, itzt schädlicher als ehemals. Schon diesen wenigen Bemerkungen zufolge erscheint ‒ um zuerst von demjenigen moralischen Mittel zu reden, was am weitesten gleichsam ausgreift ‒ öffentliche, d.i. vom Staat angeordnete oder geleitete, Erziehung wenigstens von vielen Seiten bedenklich. Nachdem ganzen vorigen Raisonnement kommt schlechterdings Alles auf die Ausbildung des Menschen in der höchsten Mannigfaltigkeit an [engl. Übers.: the absolute and essential importance of human development in its richest diversity]
Wilhelm von Humboldt: Ueber öffentliche Staatserziehung, in: Berlinische Monatsschrift 1792 (2), S. 597-606, hier S. 598f.; auch in ders.: Ideen zu einem Versuch, die Gränzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen, Breslau 1851, S. 56 [engl. Übers. von Joseph Coulthard, London 1854, S. 65].

1796
Das Holsteinische ist an den beiden Küsten der See und der Elbe durchaus ein sehr fruchtbares und schönes Land, mit sehr mannigfaltigen und reizenden Gegenden.
Wilhelm von Humboldt: [Tagebucheintrag], in: Albert Leitzmann (Hg.): Tagebuch Wilhelm von Humboldts von seiner Reise nach Norddeutschland im Jahre 1796, Weimar 1894, S. 84.

1797
Die formende und mischende Natur setzt aus wenigen Urstoffen Materien zusammen, welche die wunderbarste Mannichfaltigkeit von den Erscheinungen darbieten.
Alexander von Humboldt: Versuche über die gereizte Muskel- und Nervenfaser nebst Vermuthungen über den chemischen Process des Lebens in der Thier- und Pflanzenwelt, Bd. 1, Posen 1797, S. 454.

1798
Die Mannigfaltigkeit, plur. inus. die Eigenschaft der Dinge, da sie in der Mehrheit verschieden sind. Die Mannigfaltigkeit der Blumen, der Farben, der Thiere u.s.f. Freuden, die die Schönheiten der Natur in endloser Mannigfaltigkeit uns anbiethen. Geßn.
Johann Christoph Adelung: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Bd. 3. Leipzig 1798, S. 62.

1806
Ist aber auch Fülle des Lebens überall verbreitet; ist der Organismus auch unablässig bemüht, die durch den Tod entfesselten Elemente zu neuen Gestalten zu verbinden: so ist diese Lebensfülle und ihre Erneuerung doch nach Verschiedenheit der Himmelsstriche verschieden. […] Je näher […] den Tropen, desto mehr nimmt Mannichfaltigkeit der Bildungen, Anmuth der Form und des Farbengemisches, ewige Jugend und Kraft des organischen Lebens zu. […]
[Es sind] jedem Erdstriche besondere Schönheiten vorbehalten: den Tropen Mannichfaltigkeit und Größe der Pflanzenformen [des beautés particulières sont réservées à chaque zone: aux climats du tropique, appartiennent la diversité de forme et la grandeur des végetaux]; dem Norden der Anblick der Wiesen, und das periodische Wiedererwachen der Natur beim ersten Wehen der Frühlingslüfte. […]
Umfaßt man die verschiedenen Pflanzenfamilien, welche bereits auf dem Erdboden entdeckt sind […], mit einem Blick; so erkennt man in dieser wundervollen Menge wenige Hauptformen, auf welche sich alle andere zurückführen lassen.
Alexander von Humboldt: Ideen zu einer Physiognomik der Gewächse, Tübingen 1806, S. 8; 11; 15; auch in: ders.: Ansichten der Natur mit wissenschaftlichen Erläuterungen, Tübingen 1808 [franz. Übers. Idées sur la physionomie des végétaux, in: Tableaux de la nature, übers. von Jean-Baptiste Eyriès, Bd. 2, Paris 1808, S. 23].

1807
Unter der fast zahllosen Menge von Vegetabilien, welche die Erde bedecken, erkennt man bey aufmerksamer Beobachtung einige wenige Grundgestalten, auf welche man wahrscheinlich alle übrigen zurückführen kann, und welche eben so viele Familien oder Gruppen bilden. Ich begnüge mich hier siebzehn derselben zu nennen, deren Studium dem Landschaftsmaler besonders wichtig seyn muß. […]
Die Physionomie der Vegetation hat unter dem Äquator im Ganzen mehr Größe, Majestät und Mannichfaltigkeit als in der gemäßigten Zone.
Alexander von Humboldt: Ideen zu einer Geographie der Pflanzen nebst einem Naturgemälde der Tropenländer, Tübingen 1807, S. 25; 30.

1817
Der Versuch, die Metamorphose der Pflanzen zu erklären, das heißt, die mannigfaltigen, besonderen Erscheinungen des herrlichen Weltgartens auf ein allgemeines, einfaches Prinzip zurückzuführen, war zuerst abgeschlossen.
Johann Wolfgang von Goethe: Schicksal der Handschrift (1817), in: Dorothea Kuhn (Hg.): (1954). Goethe. Die Schriften zur Naturwissenschaft. Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina, Bd. I, 9. Morphologische Hefte, Weimar 1954.

1820
[Die Landesverschönerung erteilt den] Gegenden Nachhülfe [, so dass sie] verschönert und mannigfaltiger werden
Friedrich von Lupin: Die Gärten. Ein Wort seiner Zeit, München 1820, S. 26.

1830
Mannigfaltigkeit
, Verschiedenheit in einer in Hauptcharakteren übereinstimmenden Mehrheit, z.B. vom Menschen, Thiere etc.
Encyclopädisches Wörterbuch der Wissenschaften, Künste und Gewerbe, Bd. 13, Altenburg 1830, S. 163 = erste Aufl. von Pierer’s Universal-Lexikon, 4. Aufl., Bd. 10, Altenburg 1860, S. 835).

1830
Erquickung des Auges durch das wohltätige Grün und die Mannigfaltigkeit der Natur
J.C.W. Wunder: Welchen Erfolg darf Deutschland, namentlich Bayern, von den bisherigen Bemühungen für Landesverschönerung hoffen?, in: Monatsblatt für Bauwesen und Landesverschönerung 10 (1830), S. 3-8, hier S. 8.

1833
Ueberall, wohin nur das Auge sich wandte, war eine Abwechselung und Mischung von Belaubung, die uns höchst pittoresk und lieblich in’s Auge fiel. Hier verdeckte eine Eiche, oder ein Lerchenbaum, beide ihr dichtes Grün ausbreitend, die Landschaft völlig; dort verstattete das wellenförmige Land, daß man über das niedrige Gebüsch von blühenden Hagebutten und Geisblatt sie mit ihren Reizen doch wahrnehmen konnte. Bald ließ ein Hain von Buchen die Scene zum Theil ganz, zum Theil nur halb erscheinen. So lange wir nur immer durch diese Felder, Dörfer und Auen auf dem Wege nach Schierensee hinschweiften, zeigte jeder Schritt uns stets neue Schönheiten, bot jeder neue Standpunkt uns ein anderes, immer neues, und doch dasselbe Gebilde. Es war ein herrlicher Weg, einsam, doch mannichfaltig, lieblich, doch großartig.
Peregrinus pedestris [James Edward Marston]: Der Holsteinische Tourist oder Wegweiser für Fußreisende in der Umgegend von Hamburg, Hamburg 1833, S. 231f.

1834
Kann man innerhalb des Parks ein Vorwerk mit seiner angränzenden Feldflur, eine Mühle, eine Fabrick anbringen, oder hineinziehen, so wird ihm dies nur desto mehr Leben und Mannichfaltigkeit geben.
Hermann Fürst von Pückler-Muskau: Andeutungen über Landschaftsgärtnerei, Stuttgart 1834, S. 48.

1845
Die Natur ist für die denkende Betrachtung Einheit in der Vielheit, Verbindung des Mannigfaltigen in Form und Mischung, Inbegriff der Naturdinge und Naturkräfte, als ein lebendiges Ganze.
Alexander von Humboldt: Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung, Bd. 1, Stuttgart 1845, S. 5f.

1851
Das höchste Ideal des Zusammenexistirens menschlicher Wesen wäre mir dasjenige, in dem jedes nur aus sich selbst, und um seiner selbst willen sich entwickelte. […]
Jedes [auf die Antike] folgende Zeitalter ‒ und in wieviel schnelleren Graden muss dieses Verhältniss von jetzt an steigen? ‒ muss den vorigen an Mannigfaltigkeit nachstehen, an Mannigfaltigkeit der Natur ‒ die ungeheuren Wälder sind ausgehauen, die Moräste getrocknet u. s. f. [vgl. Jean-Jacques Rousseau: Émile, ou de l’éducation, Bd. 4, Amsterdam 1762, S. 257f.] ‒ an Mannigfaltigkeit der Menschen, durch die immer grössere Mittheilung und Vereinigung der menschlichen Werke […]
es [ist] unläugbar, dass, wenn die physische Mannigfaltigkeit geringer wurde, eine bei weitem reichere und befriedigendere intellectuelle und moralische an ihre Stelle trat, und dass Gradationen und Verschiedenheiten von unserm mehr verfeinten Geiste wahrgenommen, und unserm, wenn gleich nicht eben so stark gebildeten, doch reizbaren kultivirten Charakter ins praktische Leben übergetragen werden, die auch vielleicht den Weisen des Alterthums, oder doch wenigstens nur ihnen nicht unbemerkt geblieben wären. Es ist im ganzen Menschengeschlecht, wie im einzelnen Menschen gegangen. Das Gröbere ist abgefallen, das Feinere ist geblieben. Und so wäre es ohne allen Zweifel seegenvoll, wenn das Menschengeschlecht Ein Mensch wäre, oder die Kraft eines Zeitalters ebenso als seine Bücher, oder Erfindungen auf das folgende überginge. […]
Bewiesen halte ich […], dass die wahre Vernunft dem Menschen keinen andern Zustand als einen solchen wünschen kann, in welchem nicht nur jeder Einzelne der ungebundensten Freiheit geniesst, sich aus sich selbst, in seiner Eigenthümlichkeit zu entwickeln, sondern in welchem auch die physische Natur keine andre Gestalt von Menschenhänden empfängt, als ihr jeder Einzelne, nach dem Maasse seines Bedürfnisses und seiner Neigung, nur beschränkt durch die Gränzen seiner Kraft und seines Rechts, selbst und willkührlich giebt.
Wilhelm von Humboldt: Ideen zu einem Versuch, die Gränzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen, Breslau 1851, S. 13; 14; 14f.; 15.

1854
Der individuell sich frei fühlende Mensch wählt Sitten und Gebräuche, Kleidung und Einrichtung der Wohnung nach seinem Geschmacke – in unserem Vaterlande hat nicht nur jeder Stamm, sondern fast jedes Dorf seine eigenen Sitten und Gebräuche, die Mannigfaltigkeit ist darin unendlich. Die freie Bewegung verschmäht die Uniformität und Conformität, sie liebt die Mannigfaltigkeit und Besonderheit. Der freie Mensch entwickelt seine Individualität, sie entwickelt sich in der Freiheit, nur in der Freiheit, nicht unter dem Zwange. […]
[Es] darf der Lehrer nie darauf denken, dem Schüler die Signatur seiner eignen Geistesbeschaffenheit aufzudrücken. Achtung der Individualität, höchste Achtung derselben, Mannigfaltigkeit der Entfaltung der einzelnen Schüler! […]
Die deutsche Einheit soll die Verschiedenheit und die Mannigfaltigkeit der deutschen Stämme nicht vernichten. […] Die Mannigfaltigkeit ist begründet durch die Geschichte und die Natur der Wohnsitze. In letzterer Beziehung vergleiche man Oberdeutschland mit Niederdeutschland, den Osten mit dem Westen – kein Land in der Welt bietet auf gleichem Flächenraum eine größere Mannigfaltigkeit, einen ausgeprägteren Charakter der Individulität und Individualisirung dar […] eine Mannigfaltigkeit ohne Gleichen
Adolph Diesterweg: Die deutsche Nationalerziehung und das Princip des germanischen Lebens, in: Jahrbuch für Lehrer und Schulfreunde 4 (1854), S. 98-216, hier S. 114; 165.

1854
Wollte man im Widerspruch mit der hier geäußerten Ansicht annehmen, […] Fortschritt bestehe darin, daß in jeder Epoche das Leben der Menschheit sich höher potenziert, daß also jede Generation die vorhergehende vollkommen übertreffe, mithin die letzte die bevorzugte, die vorhergehenden aber nur die Träger der nachfolgenden wären, so würde das eine Ungerechtigkeit der Gottheit sein. Eine solche gleichsam mediatisierte Generation würde an und für sich eine Bedeutung nicht haben. Sie würde nur insofern etwas bedeuten, als sie die Stufe der nachfolgenden Generation ist und würde nicht in unmittelbarem Bezug zum Göttlichen stehen. Ich aber behaupte: jede Epoche ist unmittelbar zu Gott, und ihr Wert beruht gar nicht auf dem, was aus ihr hervorgeht, sondern in ihrer Existenz selbst, in ihrem Eignen selbst. Dadurch bekommt die Betrachtung der Historie, und zwar des individuellen Lebens in der Historie einen ganz eigentümlichen Reiz, indem nun jede Epoche als etwas für sich Gültiges angesehen werden muß und der Betrachtung höchst würdig erscheint. […]
Der Historiker hat nun die großen Tendenzen der Jahrhunderte auseinanderzunehmen und die große Geschichte der Menschheit aufzurollen, welche eben der Komplex dieser verschiedenen Tendenzen ist. Vom Standpunkt der göttlichen Idee kann ich mir die Sache nicht anders denken, als daß die Menschheit eine unendliche Mannigfaltigkeit von Entwicklungen in sich birgt, welche nach und nach zum Vorschein kommen, und zwar nach Gesetzen, die uns unbekannt sind, geheimnisvoller und größer, als man denkt.
Leopold von Ranke: [Vorträge über die s.g. „leitenden Tendenzen“ in der Geschichte, erster Vortrag vom 25. Sept. 1854], in: Theodor Schieder und Helmut Berding (Hg.): Historisch-kritische Ausgabe, Bd. 2. Über die Epochen der neueren Geschichte, Berlin 1971, S. 53-76, hier S. 59f.; 67.

1868
Grössenbegriffe sind nur da möglich, wo sich ein allgemeiner Begriff vorfindet, der verschiedene Bestimmungsweisen zulässt. Je nachdem unter diesen Bestimmungsweisen von einer zu einer andern ein stetiger Uebergang stattfindet oder nicht, bilden sie eine stetige oder discrete Mannigfaltigkeit; die einzelnen Bestimmungsweisen heissen im erstern Falle Punkte, im letztern Elemente dieser Mannigfaltigkeit. Begriffe, deren Bestimmungsweisen eine discrete Mannigfaltigkeit bilden, sind so häufig, dass sich für beliebig gegebene Dinge wenigstens in den gebildeteren Sprachen immer ein Begriff auffinden lässt, unter welchem sie enthalten sind (und die Mathematiker konnten daher in der Lehre von den discreten Grössen unbedenklich von der Forderung ausgehen, gegebene Dinge als gleichartig zu betrachten), dagegen sind die Veranlassungen zur Bildung von Begriffen, deren Bestimmungsweisen eine stetige Mannigfaltigkeit bilden, im gemeinen Leben so selten, dass die Orte der Sinnengegenstände und die Farben wohl die einzigen einfachen Begriffe sind, deren Bestimmungsweisen eine mehrfach ausgedehnte Mannigfaltigkeit bilden. Häufigere Veranlassung zur Erzeugung und Ausbildung dieser Begriffe findet sich erst in der höhern Mathematik.
Bernhard Riemann: Über die Hypothesen, die der Geometrie zu Grunde liegen, in: Abhandlungen der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen 13 (1868), S. 133-150, hier S. 135.

1878
Die Mannigfaltigkeit gefällt als solche, wie die Einheit; wenn zu ihr Harmonie hinzukommt, so entsteht eine neue Form, die der harmonischen Totalität z.B. von Charakteren eines Epos oder eines Drama’s oder von Individualitäten eines grössern Gemäldes, welche einen vollständigen Cyclus einander ergänzender Gestalten bilden […]; Mannigfaltigkeit ist aber auch so, ohne diese harmonische Geschlossenheit, schön, obwol nicht sie allein schön ist, und obwol ein gewisses Mass ihr gesetzt ist, damit man nicht durch ihre Überschwenglichkeit betäubt und abgespannt werde
Karl Köstlin: Über den Schönheitsbegriff, Tübingen 1878, S 40f.

1883
Mannichfaltigkeitslehre
. Mit diesem Worte bezeichne ich einen sehr viel umfassenden Lehrbegriff, den ich bisher nur in der speciellen Gestaltung einer arithmetischen oder geometrischen Mengenlehre auszubilden versucht habe. Unter einer Mannichfaltigkeit oder Menge verstehe ich nämlich allgemein jedes Viele, welches sich als Eines denken läßt, d. h. jeden Inbegriff bestimmter Elemente, welcher durch ein Gesetz zu einem Ganzen verbunden werden kann, und ich glaube hiermit etwas zu definieren, was verwandt ist mit dem Platonischen εἶδος oder ἰδέα, wie auch mit dem, was Platon in seinem Dialoge „Philebos oder das höchste Gut“ μικτόν nennt. Er setzt dieses dem ἄπειρον, d. h. dem Unbegrenzten, Unbestimmten, welches ich Uneigentlich-unendliches nenne, sowie dem πέρας d. h. der Grenze entgegen und erklärt es als ein geordnetes „Gemisch“ der beiden letzteren.
Georg Cantor: Ueber unendliche, lineare Punktmannichfaltigkeiten, 5. Forts., in: Mathematische Annalen 21 (1883), S. 545-591, hier S. 587.

1904
Mannigfaltigkeit
ist die Einheit, der Inbegriff einer Reihe von Objecten
Rudolf Eisler: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Bd. 1, Berlin 1904, S. 624.

1912
mir [erscheint es] immer ein Gewinn, wenn irgendwelche Art auch immer auf dieser Erde vor der Vernichtung bewahrt bleibe, weil mir ein ganz großer Wert in dem Reichtum an Arten überhaupt zu liegen scheint. Es mag sich um Pflanzen- oder Tier- oder Menschenarten handeln. Bunt soll die Welt sein. Und ein Jammer ist es, wenn eine noch so unscheinbare Pflanzenart, wenn eine noch so unbedeutende Tierspezies ausstirbt. Vor nichts sollten wir eine solche Angst haben wie vor der Verarmung der Welt an Formen des Lebendigen. Und in der Menschheit muß sich dieser Wunsch, einen Reichtum an Formen zu erhalten, zur Leidenschaft steigern. Wir erleben ja in unserer Zeit gerade, wie sich der Typus Mensch immer mehr zu einem Einheitstypus zu verflachen die Tendenz hat. Wer die bunte Mannigfaltigkeit gesehen hat, die unter den Auswanderern im Zwischendeck eines großen Amerika-Dampfers noch anzutreffen ist; wessen Herz sich erfreut hat an den vielerlei Trachten und vielerlei Sprachen, an den vielerlei Gewohnheiten und vielerlei Liedern, die hier noch ihr Wesen treiben, und wer dann wahrgenommen hat, wie diese selbe bunte Welt nach ein oder zwei Generationen in dem grauen, langweiligen, eintönigen American man untergegangen ist, den faßt ein Grauen vor der Zukunft des Menschengeschlechts, der möchte alle Mächte des Himmels und der Hölle zum Beistand aufrufen, daß sie ein solches Zerstörungswerk verhindern helfen.
Werner Sombart: Die Zukunft der Juden, Leipzig 1912, S. 55f.

1938
Wenn in dem „Rasenstück“ [Dürers] eine reiche Vielfalt zu einem Bild ausgeglichener Schönheit verschmolzen ist, so gilt das gleiche auch für die deutsche Landschaft. Wo immer sie noch schön ist, da ist sie vielfältig; ja diese Mannigfaltigkeit stellt geradezu das eigentliche Wesen der mitteleuropäischen Landschaft dar. Wo immer man von draußen her nach Deutschland zurückkommt, wo es noch schön ist, da ist es von einer unerhörten Mannigfaltigkeit. Da ist alles in ihr enthalten, was zum Begriff der deutschen Heimat gehört, Wald und Wiese und Feld und Baum und Busch und Wasser in jeder Form.
Alwin Seifert: Naturnahe Wasserwirtschaft (1938), in: Im Zeitalter des Lebendigen. Natur, Heimat, Technik, Dresden 1941, S. 51-69, hier S. 56.

1945
Die beiden Prinzipien sind das der Einheit und das der Mannigfaltigkeit. Das neue Reich muß einig in seinen Gliedern sein, doch unter Achtung ihrer Eigenart. In dieser Verbindung werden sich zugleich die beiden großen Richtungen versöhnen, die die Demokratie in unserer Zeit gewonnen hat, und zwar im autoritären und im liberalen Staat. Beide sind wohlbegründet, doch kann das Leben weder völlig diszipliniert noch völlig dem freien Willen anheimgegeben sein. Es gilt vielmehr, die Schichten zu trennen, die beiden angemessen sind.
Ernst Jünger: Der Friede (1943), in: Sämtliche Werke, 2. Abt., Essays, Bd. 7, Stuttgart 1980, S. 195-236, hier S. 224.

1952
Es ist Zeit sich zu fragen, welchen Sinn das Wort Weltliteratur, in Goethescher Weise auf das Gegenwärtige und das von der Zukunft zu Erwartende bezogen, noch haben kann. Unsere Erde, die die Welt der Weltliteratur ist, wird kleiner und verliert an Mannigfaltigkeit [engl. Übers.: »diversity«, in: The Centennial Review 13 (1969), S. 2]. Weltliteratur aber bezieht sich nicht einfach auf das Gemeinsame und Menschliche überhaupt, sondern auf dieses als wechselseitige Befruchtung des Mannigfaltigen. Die felix culpa des Auseinanderfallens der Menschheit in eine Fülle von Kulturen ist ihre Voraussetzung. Und was geschieht heute, was bereitet sich vor? Aus tausend Gründen, die jeder kennt, vereinheitlicht sich das Leben der Menschen auf dem ganzen Planeten. Der Überlagerungsprozeß, der ursprünglich von Europa ausging, wirkt weiter und untergräbt alle Sondertraditionen. Zwar ist überall der Nationalwille stärker und lauter als je, aber überall treibt er zu den gleichen, nämlich den modernen Lebensformen, und es ist für den unparteiischen Beobachter deutlich, daß die inneren Grundlagen des nationalen Daseins überall im Zerfallen sind. […]
[Es] ist die Aufgabe, das Material zu sammeln und zu einheitlicher Wirkung zu bringen, dringend. Denn gerade wir sind noch, wenigstens grundsätzlich, in der Lage, die Aufgabe zu erfüllen: nicht nur, weil wir über so viel Material verfügen, sondern vor allem, weil wir den historisch-perspektivistischen Sinn ererbt haben, der dazu erforderlich ist. Wir besitzen ihn noch, da wir noch mitten in der Erfahrung von geschichtlicher Mannigfaltigkeit leben, ohne die, wie ich fürchte, jener Sinn schnell an lebendiger Konkretheit verlieren könnte. Wir also, so scheint mir, leben in einem Kairos der verstehenden Geschichtsschreibung; ob viele Generationen ihm noch angehören werden, ist fraglich.
Erich Auerbach: Philologie der Weltliteratur, in: Walter Muschg and Emil Staiger (Hg.): Weltliteratur. Festgabe für Fritz Strich zum 70. Geburtstag, Bern 1952, S. 39-50, hier S. 39; 41.

1955
Die Entwicklung der letzten Jahrhunderte zeigt die Tendenz auf, die ursprünglich mannigfaltigen und vielgestaltigen Bilder unserer Landschaft auf einige wenige Grundformen zurückzuführen. Der einartige Wirtschaftswald‚ ertragreiche Wiesen und Weiden mit ausgewogenen Regulierung der Wasserstände und der Nährstoffverhältnisse zur Erhaltung eines Standard-Bestandes wertvoller Gramineen und Leguminosen oder weithin eintönige Äcker sind ihre wesentliche Typen. Aus der Naturlandschaft wird durch solche Typisierung eine Kulturlandschaft entwickelt. An die Stelle natürlicher Vielgestaltigkeit tritt die künstliche Einheitlichkeit, und diesem Uniformierungsvorgang fällt auch hier ein großer Teil alles Besonderen zum Opfer. Durch die Nivellierung wird ein Anstieg des materiellen Wertes erreicht, zwangsläufig aber ist damit verbunden die Verarmung an innerem Gehalt. Die Versuche aber, wenigstens stellenweise etwas von der ursprünglichen Ausdruckskraft der Landschaft zu erhalten, sind bei den derzeitigen Methoden, wie es alle unsere unter Natur- und Landschaftsschutz stehenden Gebiete zeigen, als zu engräumige Maßnahmen auf die Dauer ohne Erfolg.
Ernst-Wilhelm Raabe: Über die Verarmung der Landschaft, in: Schriften des Naturwissenschaftlichen Vereins für Schleswig-Holstein 27 (1955), S. 171-189, hier S. 188f.

1964
Die Einebnung, die der Nationalstaat, verglichen mit der vorrevolutionären Ordnung, bewirkt hat, betrifft nicht nur die Gesellschaft und ihre Mannigfaltigkeit, sondern auch die Künste einschließlich der Kriegskunst, die Architektur, die Handwerke, jede gewachsene Gliederung überhaupt. Hierher gehört die Angleichung der Landschaften auf Kosten ihrer Eigenart, ihre wachsende Abhängigkeit von den Zentralen, ihre Durchschneidung mit Bahnen, Kanälen und Heerstraßen. Dieses Bild, dessen Ausführung das ganze 19. Jahrhundert beschäftigt, ist nicht plötzlich entstanden ‒ es ging ihm die Einrichtung der absoluten Monarchie voraus
Ernst Jünger: Maxima ‒ Minima. Adnoten zum »Arbeiter« (1964), Stuttgart 1981, S. 67.

1968
Die Ideen sind Mannigfaltigkeiten, jede Idee ist eine Mannigfaltigkeit [multiplicité], eine Varietät. […] Die Mannigfaltigkeit darf nicht eine Kombination aus Vielem und Einem bezeichnen, sondern im Gegenteil eine dem Vielen als solchem eigene Organisation, die keinerlei Einheit bedarf, um ein System zu bilden. Das Eine und das Viele sind Verstandesbegriffe, die die allzu weiten Maschen einer verfälschten Dialektik bilden, die über den Gegensatz verfährt. […] Das wahre Substantiv, die Substanz selbst, ist „Mannigfaltigkeit“, die das Eine und nicht weniger das Viele überflüssig macht. Die variable Mannigfaltigkeit ist das Wieviel, das Wie, das Jeder Fall. Jedes Ding ist eine Mannigfaltigkeit, sofern es die Idee verkörpert. Selbst das Viele ist eine Mannigfaltigkeit; selbst das Eine ist eine Mannigfaltigkeit. Daß das Eine eine Mannigfaltigkeit ist (wie dies auch Bergson und Husserl gezeigt haben) – das genügt, um den Adjektivsätzen vom Typ des Ein-Vielen und des Viel-Einen gleichermaßen unrecht zu geben. Überall ersetzen die Differenzen von Mannigfaltigkeiten und die Differenz in der Mannigfaltigkeit die schematischen und plumpen Oppositionen. Es gibt nur die Varietät der Mannigfaltigkeit, d.h. die Differenz, anstatt des riesigen Gegensatzes des Einen und des Vielen.
Gilles Deleuze: Différence et répétition (1968), dt. Differenz und Wiederholung, übers. von Joseph Vogl, München 1992, S. 233f.

 

Literatur

Klaus Konhardt: Mannigfaltige (das), Mannigfaltigkeit, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 5, Basel 1980, Sp. 731-735.