1) Wiederbelebung des Liberalismus.

1830
une reconstitution graduelle de la société, fondée sur la réconciliation des doctrines du néo-liberalisme, ou de l’esprit dit doctrinaire avec le principe de foi que les écrivains de l’Avenir espèrent lui faire accepter.
K.: L’Avenir et le correspondant, in: Le Correspondant 3 (1830), S. 73-75, hier S. 74.

 

2) Ordoliberalismus oder konstitutioneller Liberalismus, der das Primat staatlicher Ordnungspolitik gegenüber der Ökonomie fordert.

1939
néo-liberalisme
Alexander Rüstow, in: Le Colloque Walter Lippmann. Travaux du Centre international d’études pour la rénovation libéralisme, Paris 1939, S. 13. [??]

1955
Damals [während des »Colloque Walter Lippmann 1938 in Paris] wurde der Name »Neoliberalismus« geboren, was in meinen Augen immer das am wenigsten glückliche Ergebnis der Konferenz gewesen ist, aber diejenigen, die einmal die Geschichte der Idee selber schreiben werden, interessieren wird. […] [Das] veröffentlichte Konferenzprotokoll ist leider nur sehr rudimentär, und es ist besonders zu bedauern, daß selbst die Hauptreferate nur summarisch wiedergegeben sind.
Wilhelm Röpke: Alexander Rüstow zum 8. April 1955, in: Gottfried Eisermann (Hg.): Wirtschaft und Kultursystem, Erlenbach-Zürich 1955, S. 12-22, hier S. 20.

1959
Der Herr Bundestagsabgeordnete Ruf […] hat heute vormittag gegen die verehrte Referentin den Vorwurf erhoben, das, was sie da vertreten habe, sei Paläoliberalismus und nicht jener Neoliberalismus, der die Grundlage unserer Aktionsgemeinschaft bildet. Da mein verstorbener Freund Walter Eucken und ich im Jahre 1932 die Richtung des Neoliberalismus begründet haben, und da ich seitdem daran arbeite, dieses Konzept auszubauen und es abzugrenzen gegenüber dem Paläoliberalismus ‒ auch gegenüber jenen Paläoliberalen, die sich fälschlich Neoliberale nennen ‒, so glaube ich ein gewisses Recht zu haben, in dieser Sache mitzusprechen.
Alexander Rüstow: [Diskussionsbeitrag], in: Sinnvolle und sinnwidrige Sozialpolitik. Vorträge und Diskussionen der zwölften Arbeitstagung der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft am 22.
Und 23. Januar 1959 in Bad Godesberg, Ludwigsburg 1959, S. 149-150, hier S. 149.

1960
Der Paläoliberalismus, d. h. jener Wirtschaftsliberalismus, der in der Mitte des 18. Jahrhunderts entstand und das 19. Jahrhundert weitgehend beherrschte, hatte in der Tat Strömungen und Vertreter, auf die dieser Vorwurf [»wir überschätzten die Wirtschaft, wir hielten die Wirtschaft und den Markt für das eigentliche Zentrum menschlicher Dinge, wir seien der Meinung, daß der Mensch im wesentlichen ein Wirtschaftsmensch sei«] zutraf. Da nun leider heutige Vertreter jenes Paläoliberalismus sich neoliberal nennen, obwohl unser Neoliberalismus ja gerade im Gegensatz und in Abgrenzung gegen jenen Altliberalismus, gegen jenen Paläoliberalismus entstanden ist, trägt das natürlich sehr dazu bei, eine Verwechslung zu begünstigen. Das hat den Effekt, daß die Vorwürfe, die gegen den alten Liberalismus berechtigt sind und die gerade wir als die ersten gegen den Paläoliberalismus erhoben haben, ja, auf Grund denen wir die Abgrenzung gegen den Paläoliberalismus zur Grundlage unseres Neoliberalismus gemacht haben, daß diese Vorwürfe zu Unrecht gegen uns erhoben werden. Die Vorwürfe, die die Kirchen gegen den Paläoliberalismus erheben, die Vorwürfe, die überhaupt idealistisch eingestellte Menschen mit Recht gegen den Paläoliberalismus erheben, sind […] genau dieselben Vorwürfe und dieselben Kritiken, die für uns den Ausgangspunkt unserer Scheidung gegenüber dem alten Liberalismus, gegenüber dem Paläoliberalismus‚ bilden.
Alexander Rüstow: Wirtschaft als Dienerin der Menschlichkeit, in: Was wichtiger ist als Wirtschaft. Vorträge auf der fünfzehnten Tagung der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft am 29. Juni 1960 in Bad Godesberg, Ludwigsburg 1960, S. 7-16, hier S. 7.

1961
Es war mir unverständlich, wieso Herr Baron Frydag am Anfang den Terminus »Neoliberalismus« im Sinne einer Anschauung gebraucht hat, die nur die ökonomischen Dinge in Betracht zieht. Die Sache liegt ganz genau umgekehrt. Unser Neoliberalismus unterscheidet sich vom Paläoliberalismus gerade dadurch, daß er nicht wie der Paläoliberalismus alles nur auf wirtschaftliche Größen bezieht. Wir sind vielmehr der Meinung, daß die wirtschaftlichen Dinge überwirtschaftlichen Gesichtspunkten untergeordnet werden müssen.
Alexander Rüstow: [Diskussionsbeitrag], in: Politik für uns alle oder für die Interessenten? Vorträge auf der sechzehnten Arbeitstagung der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft am 19. und 20. Juni 1961 in Bad Godesberg, Ludwigsburg 1961, S. 170-171, hier S. 170; auch als: Die staatspolitische Krise unserer Gesellschaft (1961), in: Rede und Antwort. 21 Reden und viele Diskussionsbeiträge aus den Jahren 1932 bis 1963, Ludwigsburg 1963, S. 56-75, hier S. 73.

1961
mein verstorbener Freund Eucken und ich [kamen] darauf, daß es einen solchen dritten Weg [neben einem »planlosen Spätkapitalismus« und dem Kommunismus] geben müsse, und das war eben der Weg des Neoliberalismus, der das tat, was vernünftige Menschen schon hundert Jahre früher hätten tun sollen, nämlich folgende Überlegungen anstellte: Die Marktwirtschaft hat, was Steigerung der Produktivität und des Volkswohlstandes betrifft, ja alle Erwartungen erfüllt und übertroffen. Diese positive Wirkung sollte man also unbedingt beibehalten. Aber man hat in verhängnisvoller Weise übersehen, daß das nicht durch Abwarten und „laissez faire“ zu erreichen, sondern daß das an ganz bestimmte Voraussetzungen gebunden ist. Erstens findet nämlich das Zusammenfallen von Einzelinteresse und Gesamtinteresse nur innerhalb der fairen Leistungskonkurrenz statt. Wenn man also von diesem Marktpatent sozusagen Gebrauch machen will, weil es so ungeheuer produktiv ist dann muß der Staat dafür sorgen, daß die Grenzen der fairen Leistungskonkurrenz eingehalten werden. Er muß eine strenge Marktpolizei ausüben und muß inbesondere die Bildung von monopolistischen Machtpositionen verhindern. Aber damit ist es noch nicht getan. Denn es gibt eine große Reihe von Dingen, die dem Marktmechanismus unzugänglich die aber von größter Wichtigkeit für die menschlichen Belange sind. Dazu gehört zum Beispiel der weite Bereich der Sozialpolitik. Es gibt in jeder Volkswirtschaft Gruppen von Menschen, die man nicht auf den Markt verweisen kann, weil sie nicht fähig sind, aus welchen Gründen auch immer auf eine marktgemäße Weise für sich selbst zu sorgen, weil sie etwa krank, schwach und alt sind. Diesen Menschen kann man nicht einfach mit Achselzucken begegnen, sondern man muß selbstverständlich wenn man verantwortungsbewußt und human ist, etwas fü r sie tun. Und was da getan werden muß, das ist eben das, was wir heute Sozialpolitik nennen. […]
Wir Neoliberalen sind der Meinung, daß der Staat zwar eingreifen muß, dringend sogar, aber in einer vernünftigen Weise. Nämlich in einer Weise, die marktkonform ist […]
stark erscheint mir die Differenz zwischen uns Neoliberalen und dem Paläoliberalismus, aber diese Differenz ist uns gemeinsam mit der christlichen Soziallehre. Wir lehnen den Paläoliberalismus aus den gleichen Gründen und mit den gleichen Argumenten ab. Da ist aber nun eine schädliche Verwirrung eingetreten. Es gibt nämlich eine Reihe von Paläoliberalen, die sich Neoliberale nennen. Wir können dagegen leider kein Patentrecht und keinen Markenschutz in Anspruch nehmen. Aber es verwirrt die Situation außerordentlich. Man muß also aufmerksam sein, wenn man vom Neoliberalismus spricht, daß man nicht die sich zu Unrecht neoliberal nennemden Paläoliberalen damit meint Man muß sich vielmehr bewußt sein, daß dieser Widerspruch gegen diese überlebenden Paläoliberalen und ihre Einseitigkeiten uns mit der christlichen Soziallehre durchaus gemeinsam ist.
Alexander Rüstow: Paläoliberalismus, Kommunismus und Neoliberalismus, in: Franz Greiß und Fritz W Meyer (Hg.): Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur.
Festgabe für Alfred Müller-Armack, Berlin 1961, S. 61-70, hier S. 67; 68; 69.

1970
The political thought of the German neoliberals emphatically reveals the problem of the liberal, namely the ambivalent attitude toward public and private power and the continuous search for that balancing point of the two which will result in maximizing individual freedom. The neo liberals’ combination of definitely liberal goals and values with a decidedly antipluralist political program appears to support the hypotheses that liberalism is not necessarily pluralist and that pluralism as a normative doctrine is not necessarily liberal.
Edward N. Megay: Anti-pluralist liberalism: The German neoliberals, in: Political Science Quarterly 85 (1970), S. 422-442, hier S. 442.

1999
Die plötzliche Renaissance des Neoliberalismus-Begriffs in den 1990er Jahren steht in einem engen Zusammenhang mit dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten Osteuropas. Die sich global ausweitende Marktgesellschaft und die damit verbundene zunehmende Wettbewerbsintensität hatte zu einer intensiven Diskussion über die Vor- und Nachteile der Globalisierung der Märkte geführt. Dabei argumentierten die Befürworter der Globalisierung, daß es sich um eine systemimmanente Entwicklung handele, die sich der Kontrolle der Politik weitgehend entziehe. Die Globalisierungskritiker argumentierten, daß es sich bei der Globalisierung keineswegs um eine »gottgewollte« Entwicklung handele, sondern um die Folgen einer bewußten Politik der Marktliberalisierung (Böckenförde 1998) – der sogenannten »neoliberalen Angebotspolitik«. Diese marktliberale – von ihren Kritikern auch als »marktradikal«, »marktanarchistisch« oder »marktfundamental« bezeichnete – Politikkonzeption wird nun als Neoliberalismus bezeichnet. Neoliberalismus steht damit für eine »totale Marktgesellschaft« (Ulrich 1997), bei der die Politik zum Erfüllungsgehilfen der Märkte degradiert wird. Nicht-wirtschaftliche Aspekte wie die Frage des sozialen Zusammenhalts oder der Sicherung der ökologischen Grundlagen fänden in der Konzeption keine Berücksichtigung. Unter dem Vorwand scheinbarer ökonomischer Sachzwänge werde das Primat der Politik aufgegeben. Kurz: Die neoliberale Politik sei ein Rückfall in den Harmonieglauben bzw. in den Wirtschaftsliberalismus des 19. Jahrhunderts. Dadurch entsteht eine paradoxe Situation: Die heutigen Kritiker des Neoliberalismus greifen – zumeist unwissentlich – jene Ökonomismus-Kritik auf, die vor 50 Jahren von einer Gruppe von Ökonomen entwickelt wurde, die sich selbst als »neoliberal« bezeichneten. Neoliberalismus steht somit heute für diejenige Konzeption, gegen die sich die Neoliberalen ursprünglich wandten.
Andreas Renner: Neoliberalismus – Versuch einer Begriffsklärung, in: Walter Bührer (Hg.): Die Schweiz unter Globalisierungsdruck, Aarau 1999, S. 35-50; auch unter dem Titel: Die zwei „Neoliberalismen“, in: Fragen der Freiheit 26 (2000), S. 48-64, hier S. 53f.

2001
Neoliberalismus
, Denkrichtung des Liberalismus, die eine freiheitliche, marktwirtschaftliche Wirtschaftsordnung mit den entsprechenden Gestaltungsmerkmalen wie privates Eigentum an den Produktionsmitteln, freie Preisbildung, Wettbewerbs- und Gewerbefreiheit anstrebt, staatliche Eingriffe in die Wirtschaft jedoch nicht ganz ablehnt, sondern auf ein Minimum beschränken will. Die Ideen des Neoliberalismus‚ dessen führender Vertreter in Deutschland Walter Eucken (* 1891, † 1950) war, basieren zum großen Teil auf den negativen Erfahrungen mit dem ungezügelten Liberalismus des Laissez-faire im 19. Jahrhundert, als der Staat die Wirtschaft komplett dem freien Spiel der Marktkräfte überließ. Staatliche Eingriffe in die Wirtschaft sind deshalb aus Sicht des Neoliberalismus dann gerechtfertigt und notwendig, wenn sie z.B. das Marktgeschehen fördern und die Bildung von Monopolen oder Kartellen verhindern, Konjunkturschwankungen ausgleichen oder dem sozialen Ausgleich dienen. Die deutsche Variante des Neoliberalismus wird auch als Ordoliberalismus (siehe dort) bezeichnet. Die angelsächsische Variante mit ihrem Hauptvertreter Friedrich August von Hayek (* 1899, †1992) setzt mehr auf die Selbststeuerung der Marktwirtschaft. Die meisten Wirtschaftsordnungen der westlichen Industrienationen, so auch die soziale Marktwirtschaft […] der Bunderepublik Deutschland, basieren heute auf den Prinzipien des Neoliberalismus.
Duden.
Das Lexikon der Wirtschaf. Grundlegendes Wissen von A-Z,
Mannheim 2001, S. 34f.

2006
Man hat der wiederbelebten oder neuen Erscheinungsform des Liberalismus die Vorsilbe „Neo“ hinzugefügt. Dies kann zwei verschiedene Bedeutungen haben: 1. Es kann dadurch zum Ausdruck gebracht werden, daß eine in der Vergangenheit preisgegebene Konzeption lediglich ohne Änderungen wiederbelebt werden soll. […] 2. Es kann aber auch gemeint sein, daß die alte Konzeption in einer echten Renaissance mit wichtigen Elementen ergänzt, von Fehlern bereinigt und durch neue Erkenntnisse und Überzeugungen verändert wird. Neoliberale der zweiten, allein sinnvollen Form beachten die Kritik, die zwar auch an der Konzeption des klassischen Liberalismus, aber vor allem an seiner historischen Anwendung geübt worden ist. Demnach unterscheidet sich der Neoliberalismus dieser Richtung nicht nur zeitlich, sondern auch sachlich von seinem Vorgänger, ohne dessen Grundlagen preiszugeben. Diese Neoliberalen haben die Grundaufgabe erkannt, die Staatstätigkeit genauer und teilweise auch anders festzulegen. Es wurde stärker betont, daß den Bürgern und Wirtschaftenden nach erkennbaren Ordnungsvorstellungen ein zuverlässiger rechtlich-institutioneller Rahmen ihrer Handlungsfreiheit gegeben werden müsse, der nur selten vollkommen spontan entsteht und den auch die Politik zu beachten habe. Diese auch von Juristen wiederbelebten Ordnungsvorstellungen sind im einzelnen für die Wirtschaftspolitik genauer entwickelt worden (z.B. bei Walter Eucken, 1952). Sie werden ständig überprüft und fortentwickelt.
Hans Willgerodt: Der Neoliberalismus – Entstehung, Kampfbegriff und Meinungsstreit, in: Ordo 57 (2006), S. 47-89, hier S. 54f.

2009
Neoliberalism
is a far richer, more thoughtful concept than it is mostly perceived today. First and foremost, it emphasised the importance of sound institutions such as property rights, freedom of contract, open markets, rules of liability, and monetary stability as prerequisites for markets to prosper and thrive. It seems that the global financial crisis has once again demonstrated how important these core insights of neoliberalism are. To those criticising neoliberalism today, the answer may well be just that: We need more of this kind of neoliberalism, not less. What we would need less of is only the rhetorical abuse of neoliberalism for political purposes.
Oliver Marc Hartwich: Neoliberalism. The Genesis of a Political Swearword, St Leonards, NSW 2009, S. 29f.

2009
The colloquium [Walter Lippmann, in August 1938] defined the concept of neoliberalism as the priority of the price mechanism, the free enterprise, the system of competition, and a strong and impartial state.
Philip Mirowski und Dieter Plehwe: The Road from Mont Pèlerin. The Making of the Neoliberal Thought Collective, Cambridge, Mass. 2009, S. 13f.

 

3) Klassischer Liberalismus, der ökonomische Eingriffe des Staates auf ein Minimum begrenzt, Marktfundamentalismus.

1961
[ich deute] die Grenzen an, wo eigentlich das rein Ökonomische, das neoliberale Prinzip, anfängt fragwürdig zu werden, und zwar auch und gerade in unserer Zeit
Udo Freiherr von Frydag: Zuwachs an Lebensstandard auch auf Kosten der Immunität der Gesellschaft gegenüber ihrer Kollektivierung?, in: Politik für uns alle oder für die Interessenten? Vorträge auf der sechzehnten Arbeitstagung der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft am 19. und 20.
Juni 1961 in Bad Godesberg, Ludwigsburg 1961, S. 167-170, hier S. 168.

1975
The neo-liberal model and the mechanisms of economic repression
Michel Chossudovsky: The neo-liberal model and the mechanisms of economic repression: The Chilean case, in: Coexistence 12 (1975), S. 34-57; vgl. ders.: The Neo-Liberal Model and the Mechanisms of Economic Repression: The Chilean Case, Ottawa 1974.

1975
el fracaso del neo-liberalismo es evidente […]
Desde 1974 el modelo neo-liberal adquirió características drásticas en sus soluciones para llegar, según sus voceros, a una apertura total de la economía y erradicar definitivamente la inflación. Es evidente que tales decisiones de política económica sólo pueden ser apreciadas como de “emergencia” para zanjar el ahogo financiero del endeudamiento externo y la paralización interna.
Jorge Irisity: Uruguay: El fracaso de la opción neo-liberal, in: Nueva Sociedad 21 (1975), S. 17-37, hier S. 17; 32.

1982
El propósito final del neoliberalismo en América Latina consiste nada menos que en transformar radicalmente el modo de funcionamiento de la economía y, en su forma más extrema, la forma en que están organizadas la sociedad y las instituciones políticas.
Alejandro Foxley: Experimentos neoliberales en América Latina, Santiago de Chile 1982, S. 149; vgl. Taylor C. Boas und Jordan Gans-Morse: Neoliberalism. From new liberal philosophy to anti-liberal slogan, in: Studies in Comparative International Development 44 (2009), S. 137-161, hier S. 149.

1994
Neoliberalism
places great stress on the importance of individualism, contrasting this with the discredited ‘collectivism’ of socialist theory. By ‘individualism’, however, neoliberals understand the self-seeking, profit-maximizing behaviour of the marketplace. This is a mistaken way, in my view, of interpreting what should more appropriately be conceived of as the expansion of social reflexivity. In a world of high reflexivity, an individual must achieve a certain degree of autonomy of action as a condition of being able to survive and forge a life; but autonomy is not the same as egoism and moreover implies reciprocity and interdependence. The issue of reconstructing social solidarities should therefore not be seen as one of protecting social cohesion around the edges of an egoistic marketplace. It should be understood as one of reconciling autonomy and interdependence in the various spheres of social life, including the economic domain. […]
the limitations of neoliberalism, with its idea of the minimal state, have become very apparent
Anthony Giddens: Beyond Left and Right. The Future of Radical Politics, Cambridge 1994, S. 13; 15.

1998
Neoliberalism
is the defining political economic paradigm of our rink—it refers to the policies and processes whereby a relative handful of private interests are permitted to control as much as possible of social life in order to maximize their personal profit. Associated initially with Reagan and Thatcher, for the past two decades neoliberalism has been the dominant global political economic trend adopted by political parties of the center and much of the traditional left as well as the right. These parties and the policies they enact represent the immediate interests of extremely wealthy investors and less than one thousand large corporations. […]
The economic consequences of these policies have been the same just about everywhere, and exactly what one would expect: a massive increase in social and economic inequality, a marked increase in severe deprivation for the poorest nations and peoples of the world, a disastrous global environment, an unstable global economy and an unprecedented bonanza for the wealthy.
Noam Chomsky: Profit over People. Neoliberalism and Global Order, New York 1998, S. 7; 8.

2009
Two decades after it was first used by pro-market intellectuals in the 1960s, the term neoliberalism had come into much more prevalent use in Latin America. The way that neoliberalism was most commonly employed in the 1980s was quite different from what neoliberalism had originally meant for Latin American scholars or the German Freiburg School. The first patterns of asymmetric use had begun to appear: critics of market reform used neoliberalism more often than proponents, who were already showing a preference for alternative terminology. Moreover, those who regularly used the term neoliberalism in the 1980s typically applied it in its present-day, radical sense, denoting market fundamentalism or a system that sought revolutionary changes in the relationship between state and society. […]
What explains the change in usage of neoliberalism between the 1960s and the 1980s? We argue that the shift from a positive term implying moderation to a negative term connoting radicalism resulted from neoliberalism’s association with the economic reforms in Augusto Pinochet’s Chile and other countries of the Southern Cone in the 1970s. Indeed, Pinochet’s 1973 coup emerges as something of a watershed in usage of neoliberalism. The earliest studies of Latin American political economy using neoliberalism in its negative, radical sense appeared just after this date (Chossudovsky 1975; Irisity 1975), while the most complete Spanish-language overview of German neoliberalism was published immediately before that (Ruiz 1972).
Taylor C. Boas und Jordan Gans-Morse: Neoliberalism. From new liberal philosophy to anti-liberal slogan, in: Studies in Comparative International Development 44 (2009), S. 137-161, hier S. 148f.

2013
Neoliberalism
is inherently a multicultural (diversity-appreciating) endeavor because of the globalization intrinsic to free-market expansion. […] new constructions of diversity remove political contestation in favor of simple math problems resulting in international students as a way to promote diversity […]. The end result of the diversity promotion under neoliberalism is that there has been no challenge to the status quo structures of power that have continued to marginalize women and racial minorities. In fact, neoliberal multiculturalism removes the political power of diversity to challenge discrimination in universities such as Boise State Univeristy.
Michael Kreiter: Neoliberal multiculturalism. The diversity that divides us, College of Social Sciences and Public Affairs Poster Presentations, Boise State University 2013; https://scholarworks.boisestate.edu/sspa_13/13/

2013
Was it mere coincidence that second-wave feminism and neoliberalism prospered in tandem? Or was there some perverse, subterranean elective affinity between them? […]
Neoliberalism’s rise coincided with a major alteration in the political culture of capitalist societies. In this period, claims for justice were increasingly couched as claims for the recognition of identity and difference. With this shift “from redistribution to recognition” came powerful pressures to transform second-wave feminism into a variant of identity politics. A progressive variant, to be sure, but one that tended nevertheless to overextend the critique of culture, while downplaying the critique of political economy. In practice, the tendency was to subordinate social-economic struggles to struggles for recognition, while in the academy, feminist cultural theory began to eclipse feminist social theory. What had begun as a needed corrective to economism devolved in time into an equally one-sided culturalism. […] The turn to recognition dovetailed all too neatly with a rising neoliberalism that wanted nothing more than to repress all memory of social egalitarianism. Thus, feminists absolutized the critique of culture at precisely the moment when circumstances required redoubled attention to the critique of political economy. As the critique splintered, moreover, the cultural strand became decoupled not only from the economic strand, but also from the critique of capitalism that had previously integrated them. Unmoored from the critique of capitalism and made available for alternative articulations, these strands could be drawn into what Hester Eisenstein has called “a dangerous liaison” with neoliberalism. […]
Disturbing as it may sound, I am suggesting that second-wave feminism has unwittingly provided a key ingredient of the new spirit of neoliberalism. Our critique of the family wage now supplies a good part of the romance that invests flexible capitalism with a higher meaning and a moral point. Endowing their daily struggles with an ethical meaning, the feminist romance attracts women at both ends of the social spectrum: at one end, the female cadres of the professional middle classes, determined to crack the glass ceiling; at the other end, the female temps, part-timers, low-wage service workers, domestics, sex workers, migrants, EPZ workers, and micro-credit borrowers, seeking not only income and material security, but also dignity, self-betterment, and liberation from traditional authority. At both ends, the dream of women’s emancipation is harnessed to the engine of capitalist accumulation. Thus, second-wave feminism’s critique of the family wage has enjoyed a perverse afterlife. Once the centerpiece of a radical critique of androcentrism, it serves today to intensify capitalism’s valorization of waged labor.
Nancy Fraser: Fortunes of Feminism. From State-Managed Capitalism to Neoliberal Crisis, New York 2013, S. 218f.

2016
Instead of delivering growth, some neoliberal policies have increased inequality, in turn jeopardizing durable expansion. […] There has been a strong and widespread global trend toward neoliberalism since the 1980s, according to a composite index that measures the extent to which countries introduced competition in various spheres of economic activity to foster economic growth. […] The costs in terms of increased inequality are prominent. Such costs epitomize the trade-off between the growth and equity effects of some aspects of the neoliberal agenda. Increased inequality in turn hurts the level and sustainability of growth. Even if growth is the sole or main purpose of the neoliberal agenda, advocates of that agenda still need to pay attention to the distributional effects.
Jonathan D. Ostry, Prakash Loungani und Davide Furceri: Neoliberalism: Oversold?, in: Finance & Development 53 (Juni 2016), No. 2.

2017
Die US-amerikanische Form des progressiven Neoliberalismus beruht auf dem Bündnis »neuer sozialer Bewegungen« (Feminismus, Antirassismus, Multikulturalismus und LGBTQ) mit Vertretern hoch technisierter, »symbolischer« und dienstleistungsbasierter Wirtschaftssektoren (Wall Street, Silicon Valley, Medien- und Kulturindustrie etc.). In dieser Allianz verbinden sich echte progressive Kräfte mit einer »wissensbasierten Wirtschaft« und insbesondere dem Finanzwesen. Wenn auch unbeabsichtigt leihen sie Letzteren dabei ihren Charme und ihr Charisma. Seither bemänteln ‒ prinzipiell für sehr unterschiedliche Ziele einsetzbare ‒ Ideale wie Diversität und Empowerment neoliberale Politiken, die zu einer Verheerung der alten Industrien mitsamt den Mittelklasse-Lebenswelten der in ihnen Beschäftigten geführt haben. […]
Die Vertreter der Emanzipationsbewegungen verbündeten sich mit den Partisanen des Finanzkapitalismus zum Angriff auf die sozialen Sicherungssysteme. Das Ergebnis ihres Team-ups war: der progressive Neoliberalismus. In ihm vereinen sich eingeschränkte Emanzipationsideale und menschenfressender Finanzkapitalismus ‒ genau diese Kombination ist es, die Trumps Wähler in toto zurückgewiesen haben. Zu ihnen, den Verlierern der schönen neuen kosmopolitischen Welt, gehören neben Industriearbeitern auch Angestellte, kleine Selbstständige sowie alle, die von der alten Industrie im »Rust Belt« und im Süden abhängig waren, und die von Arbeitslosigkeit und Drogenmissbrauch geplagte Landbevölkerung. […]
Sie [die Unterstützer der in der Präsidentschaftswahl unterlegenen Hilary Clintons] werden ihren Anteil an der Schuld daran akzeptieren müssen, dass die Sache des sozialen Ausgleichs, des materiellen Wohlstands und der Würde der Arbeiterklasse für ein falsches Emanzipationsverständnis unter den Vorzeichen der Leistung, der Diversität und des Empowerment geopfert wurde.
Nancy Fraser: Vom Regen des progressiven Neoliberalismus in die Traufe des reaktionären Populismus, in: Heinrich Geiselberger (Hg.): Die große Regression, Berlin 2017, S. 77-91, hier S. 78f.; 82f.; 90.

2020
Ich würde schon sagen, dass die Corona-Krise so etwas wie der letzte Sargnagel für den Neoliberalismus ist.
Marcel Fratzscher: [Interview mit der Deutschen Presse-Agentur], in: faz.net vom 30. April 2020.

 

Literatur

Andreas Renner: Neoliberalismus – Versuch einer Begriffsklärung, in: Walter Bührer (Hg.): Die Schweiz unter Globalisierungsdruck, Aarau 1999, S. 35-50; auch unter dem Titel: Die zwei „Neoliberalismen“, in: Fragen der Freiheit 26 (2000), S. 48-64.

Jörn Leonhard: Liberalismus. Zur Semantik eines europäischen Deutungsmusters, München 2001.

Boris Groys: Jenseits der Heterogenität. Die Ideologie der Cultural Studies und ihr postkommunistisches Anderes, in: Okwui Enwezor u.a. (Hg.): Demokratie als unvollendeter Prozess, Kassel 2002, S. 349-368.

Jörn Leonhard: Semantische Deplatzierung und Entwertung. Deutsche Deutungen von liberal und Liberalismus nach 1850 im europäischen Vergleich, in: Geschichte und Gesellschaft, Zeitschrift für Historische Sozialwissenschaft 29 (2003), S. 5-39.

Hans Willgerodt: Der Neoliberalismus – Entstehung, Kampfbegriff und Meinungsstreit, in: Ordo 57 (2006), S. 47-89.

Philip Plickert: Wandlungen des Neoliberalismus. Eine Studie zur Entwicklung und Ausstrahlung der ‘Mont Pèlerin Society’, Stuttgart 2008.

Anselm Doering-Manteuffel und Lutz Raphael: Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970, Göttingen 2008.

Oliver Marc Hartwich: Neoliberalism. The Genesis of a Political Swearword, St Leonards, NSW 2009.

Taylor C. Boas und Jordan Gans-Morse: Neoliberalism. From new liberal philosophy to anti-liberal slogan, in: Studies in Comparative International Development 44 (2009), S. 137-161.

Serge Audier: Néo-libéralisme(s). Une archéologie intellectuelle, Paris 2012.

Philipp Ther: Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa, Berlin 2014.

Rolf Steltemeier: Liberalismus. Ideengeschichtliches Erbe und politische Realität einer Denkrichtung, Baden-Baden 2015.

Anselm Doering-Manteuffel: Liberalismus im 20. Jahrhundert, Stuttgart 2015.

Frank Bösch: Zeitenwende 1979. Als die Welt von heute begann, München 2019.