15. Jh.
Multitudo hd, vil-hayt […]; filheyt
Laurentius Diefenbach: Glossarium latino-germanicum mediae et infimae aetatis e codicibus manuscriptis et libris impressis, Frankfurt am Main 1857, S. 371a.

1781
Die logische Functionen der Urtheile überhaupt: Einheit und Vielheit, Beiahung und Verneinung, Subiect und Prädicat können, ohne einen Cirkel zu begehen, nicht definirt werden
Immanuel Kant: Critik der reinen Vernunft, Riga 1781, S. 245.

1790
Eine Idee soll der Möglichkeit des Naturproducts zum Grunde liegen. Weil diese aber eine absolute Einheit der Vorstellung ist, statt dessen die Materie eine Vielheit der Dinge ist, die für sich keine bestimmte Einheit der Zusammensetzung an die Hand geben kann, so muß, wenn jene Einheit der Idee, sogar als Bestimmungsgrund, priori eines Naturgesetzes der Caussalität einer solchen Form des Zusammengesetzten dienen soll, der Zweck der Natur auf Alles, was in ihrem Producte liegt, erstreckt werden
Immanuel Kant: Critik der Urtheilskraft, Berlin 1790, S. 293.

1811
Die Vielheit, o. Mz. der Zustand, da eine große Mehrheit von einem Dinge vorhanden ist, die Menge, welches jedoch noch mehr, eine noch größere Zahl bezeichnet. Auch die Viele. „Die Vielheit kömmt allem zu, was nicht wenig ist es mag gezählt werden oder nicht; Menge nur dem Ungezählten. […]“ Eberhard.
Joachim Heinrich Campe: Wörterbuch der deutschen Sprache, Bd. 4, Braunschweig 1811, S. 417.

1873
der Streit der Vielheit [kann] doch in sich Gesetz und Recht tragen
Friedrich Nietzsche: Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen [1873], in: KSA Bd. I, S. 831.

1882
Grösster Nutzen des Polytheismus. ‒ Dass der Einzelne sich sein eigenes Ideal aufstelle und aus ihm sein Gesetz, seine Freuden und seine Rechte ableite ‒ das galt wohl bisher als die ungeheuerlichste aller menschlichen Verirrungen und als die Abgötterei an sich; in der That haben die Wenigen, die diess wagten, immer vor sich selber eine Apologie nöthig gehabt, und diese lautete gewöhnlich: „nicht ich! nicht ich! sondern ein Gott durch mich!“ Die wundervolle Kunst und Kraft, Götter zu schaffen ‒ der Polytheismus ‒ war es, in der dieser Trieb sich entladen durfte, in der er sich reinigte, vervollkommnete, veredelte: denn ursprünglich war es ein gemeiner und unansehnlicher Trieb, verwandt dem Eigensinn, dem Ungehorsame und dem Neide. Diesem Triebe zum eigenen Ideale feind sein: das war ehemals das Gesetz jeder Sittlichkeit. Da gab es nur Eine Norm: „der Mensch“ ‒ und jedes Volk glaubte diese Eine und letzte Norm zu haben. Aber über sich und ausser sich, in einer fernen Ueberwelt, durfte man eine Mehrzahl von Normen sehen: der eine Gott war nicht die Leugnung oder Lästerung des anderen Gottes! Hier erlaubte man sich zuerst Individuen, hier ehrte man zuerst das Recht von Individuen. Die Erfindung von Göttern, Heroen und Uebermenschen aller Art, sowie von Neben- und Untermenschen, von Zwergen, Feen, Centauren, Satyrn, Dämonen und Teufeln, war die unschätzbare Vorübung zur Rechtfertigung der Selbstsucht und Selbstherrlichkeit des Einzelnen: die Freiheit, welche man dem Gotte gegen die anderen Götter gewährte, gab man zuletzt sich selber gegen Gesetze und Sitten und Nachbarn. Der Monotheismus dagegen, diese starre Consequenz der Lehre von Einem Normalmenschen ‒ also der Glaube an einen Normalgott, neben dem es nur noch falsche Lügengötter giebt ‒ war vielleicht die grösste Gefahr der bisherigen Menschheit: da drohte ihr jener vorzeitige Stillstand, welchen, soweit wir sehen können, die meisten anderen Thiergattungen schon längst erreicht haben; als welche alle an Ein Normalthier und Ideal in ihrer Gattung glauben und die Sittlichkeit der Sitte sich endgültig in Fleisch und Blut übersetzt haben. Im Polytheismus lag die Freigeisterei und Vielgeisterei des Menschen vorgebildet: die Kraft, sich neue und eigene Augen zu schaffen und immer wieder neue und noch eigenere: sodass es für den Menschen allein unter allen Thieren keine ewigen Horizonte und Perspectiven giebt.
Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft (1882), KSA Bd. 3, S. 490f. (§143).

1978
In der ganzen Geschichte der politischen Theorie des Abendlandes ragt der einzige Aristoteles namentlich dadurch hervor, daß er den Staat auf die Vielheit (der gleichen Bürger) gegründet oder daß er dem Staat keine eigene Existenz außer ihr zugeschrieben hat, sei es eine gute oder böse, heilsame oder verderblich, eine heilige oder dämonische, technische oder ästhetische oder metaphysische. Denn alle diese Varianten des Staatsbegriffs – und das ist der Modellbegriff des Politischen überhaupt – kommen darin überein, daß sie den Staat, logisch gesprochen, als Einheit auffassen oder konstruieren. Einzig die ›bürgerliche‹ Politik des Aristoteles – und all derer, die nachmals in seine Spur zurückgekehrt sind –, einzig diese ›Politologie‹ im strengen Sinne des Wortes hat die reale Vielheit der Bürger zum Gegenstand gemacht, derer, die den Staat bilden, indem sie miteinander und widereinander handeln, Einrichtungen schaffen und verwalten und sich nach Verfahrensregeln einigen.
Dolf Sternberger: Drei Wurzeln der Politik, Frankfurt am Main 1978, S. 109f.

 

Literatur

Das Allgemeine von Gott, dem Menschen und der Welt in kurtzgefaßten Tabellen also vorgestellet, daß die Vielheit, Ordnung und Verschiedenheit derer vornehmsten und vorkommenden Sachen beysammen können übersehen werden, Berlin 1753.

Carl Pontus Wikner: Einheit und Vielheit. Eine philosophische Untersuchung. Aus dem Schwedischen, Leipzig 1875.

Carl Friedrich von Weizsäcker: Einheit und Vielheit, Göttingen 1973.

Odo Marquart, Einheit und Vielheit, in: ders. (Hg.): Einheit und Vielheit, Hamburg 1990, S. 1-10.

Alois Halbmayr: Lob der Vielheit. Zur Kritik Odo Marquards am Monotheismus, Innsbruck 2000.

Barbara Boisits: Einheit und Vielheit. Organologische Denkmodelle in der Moderne, Wien 2000.

Stephan Meier-Oeser: Vielheit I, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 11, Basel 2001, Sp. 1041-1050.

Johannes Brachtendorf und Stephan Herzberg (Hg.): Einheit und Vielheit als metaphysisches Problem, Tübingen 2011.

Thomas Kirchhoff und Kristian Köchy (Hg.): Wünschenswerte Vielheit. Diversität als Kategorie, Befund und Norm, Freiburg i. Br. 2016.